Auszüge aus einem Hundebuch aus dem Jahre 1931

Hundefreunde - Katzenfreunde. Die Frage des Bekenntnisses für Hund oder Katze ist beinahe zu einer Frage der Weltanschauung geworden. Denn es gibt neuerdings kaum eine Leidenschaft, die nicht zu einem Gefühlsimperialismus ausgeweitet wird. So sind beide Parteien auch in diesem Falle häufig dazu gekommen, in dem Vertreter der entgegengesetzten Ansicht einen Menschen zu erblicken, der etwas Minderwertiges, ja Verächtliches liebt.
Wer für den Hund ist, liebt die bedingungslose Gefolgschaft, die Unterwerfung, das Gehorsamsprinzip - sagen die Katzenfreunde. Wer für die Katze ist, liebt den Charme an sich, das Selbstische, "Treulose" - sagen die Hundefreunde.
Diesen Definitionsfimmel wird freilich ein echter Tierfreund nicht mitmachen. Freund der Tiere - Freund der Welt - so- wie sie der Natur unerschöpfliche Laune schuf: wer die Erde wirklich liebt, liebt die Gegensätze, liebt also auch Hund und Katze, die wie wir kommen aus Nirgendwo und eingehen ins Nirgendwo, ganz wie wir.
Gewiss, bei der Wahl des Tieres, das unmittelbar um ihn sein soll, wird jeder seinen stärkeren Sympathien folgen. Und da scheiden sich freilich manche Charaktere eindeutig: Katzen versteht nur, wer die "Frau an sich" versteht, wer das Unberechenbare als steigerndes, gefährliches Moment in den Ablauf des Seins einkalkuliert, wer im schönen Augenblick nicht Deutung noch Dauer sucht und die ebenso zärtliche wie grausame Sinnlosigkeit der Natur verehrt, ohne das höhere Gesetz hinter ihren rätselhaften Offenbarungen unbedingt begreifen zu müssen. Katzen haben nie den Geruch der Wildnis verloren. Sie sind unversöhnt mit den Menschen geblieben, Bewahrer ihrer Raubtiertradition, unzugänglich jedem menschlichen Zweckgedanken, letzten Endes unerforschliche, "heilige Tiere"".
Das Hundeherz dagegen haben die Menschen sich erschlossen. Was blieb hier von der alten Wolfsherkunft, von dem Schakalblut, von der Urwaldheimat? Ein paar Gewohnheiten. das im Kreise-Sich- Drehen vor dem Einschlafen, die Erinnerung an das Verscharren der Exkremente und eine ferne Unruhe im Blut, die plötzlich da ist, wenn Wagengeleis oder Schienenspur Urzeiterinnerung rätselhaft erwachen lassen und das "Schnüren" in der Deckung beginnt. Im übrigen ist die Erinnerung an die Herkunft zum Hass der Zivilisierten gegen die Ahnen abgewandelt: zur Feindschaft gegen den Wolf. Die andere Front aber übernimmt der Hund vom Ahn - wie Wolf gegen Luchs, so steht Hund gegen Katze.
Aber sonst ist der Hund zum Menschen übergegangen, missbraucht als Kärrner, benutzt als Gehilfe, ganz aufgenommen als Freund, gezüchtet als Kunstprodukt. Ein Tier, für das schon in der Keilschrift dasselbe Zeichen gilt wie für Diener, hat sich geistig auf den Menschen eingestellt. Eine ganze Tierrasse ist diesem hörig geworden. Ein Bund wurde, im Kontakt eines "Unterstroms", besiegelt wie sonst kein zweiter. Es ist nie der Hund gewesen, der sich der geheimnisvollen, unausgesprochenen, auf der Basis der einfachen Grundklausel "Treue um Treue", auf Gedeih, Verderb und Vertrauen geschlossenen Übereinkunft unwürdig erwiesen hat. Er, der nach Polgar "unter allen Tieren jenes ist, das den Menschen am ehesten goutiert", hat immer gehalten, was er versprochen hat. .Aber nie sollte man vergessen, dass der Hund ein Tier ist, dass seine Fähigkeiten ins "Menschliche" abzubiegen Verrat an der Natur üben heißt. "Wunderhunde", Hundedressuren zur Schau, eine übertriebene Kriminalfährtenpsychologie- das alles heißt Menschengeist auf Tiergeist pfropfen. Und das Resultat wird immer in dem Augenblick kärglich, kümmerlich und peinlich werden, da die Grenzen der Natur respektlos überschritten werden. Oder gibt es etwas Traurigeres als diese mit läppischen Hüten und Röcken bekleideten Hundegeschöpfe auf den Varietebühnen, um deren Leiber hanswurstiges Tuchzeug schlottert, die Treppchen springen und einen "Bräutigam", oder "Toten" spielen müssen?
Von Geri und Freki, den Hunden des germanischen Himmels, die Wotan die letzten Nachrichten von den Kämpfen der Asen und ihrer Widersacher rapportierten, bis zu ihren späten Nachkommen, die dem "Herrchen" die Zeitung apportieren, ist eben ein weiter Weg. Aber immerhin doch ein Weg.
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Plötzlich ist eines Tages der Mensch allein. Er ist es immer. Aber er weiß es nur selten. Nur in jenen schweren Augenblicken, in denen er sich daran erinnert, dass er allein sterben wird. Dann sitzt er da und sinnt vor sich hin. Und mit einemmal stößt eine weiche Schnauze gegen sein Knie, tastet zögernd eine behaarte Pfote sein Bein entlang, und ein Kopf hebt sich ihm entgegen. Es ist der Kopf seines Hundes, der die Not des Menschen wittert und mit einem merkwürdigen Klagelaut, halb Seufzer, halb Werbung, ihn daran erinnert, dass der Mensch, ihn, seinen Hund, verlassen und einsam gemacht hat in dem Moment, da er sich selbst in die Einsamkeit einsinken ließ. Und von Mensch zu Hund zündet erneut der Kontakt, Leben drängt sich an Leben, und während die Hand schon das Fell streichelt, ist - wenn auch der Blick noch gar nicht hinsieht - der gefährlichste Punkt der trostlosesten Einsicht überwunden. Solche Minuten vergisst kein Mensch seinem Hunde.
Lubochna, im Juni 1931 MANFRED GEORG