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Hundefreunde - Katzenfreunde. Die
Frage des Bekenntnisses für Hund oder Katze ist beinahe zu einer Frage
der Weltanschauung geworden. Denn es gibt neuerdings kaum eine
Leidenschaft, die nicht zu einem Gefühlsimperialismus ausgeweitet wird.
So sind beide Parteien auch in diesem Falle häufig dazu gekommen, in
dem Vertreter der entgegengesetzten Ansicht einen Menschen zu erblicken,
der etwas Minderwertiges, ja Verächtliches liebt.
Wer für den Hund ist, liebt die bedingungslose Gefolgschaft, die
Unterwerfung, das Gehorsamsprinzip - sagen die Katzenfreunde. Wer für
die Katze ist, liebt den Charme an sich, das Selbstische,
"Treulose" - sagen die Hundefreunde.
Diesen Definitionsfimmel wird freilich ein echter Tierfreund nicht
mitmachen. Freund der Tiere - Freund der Welt - so- wie sie der Natur
unerschöpfliche Laune schuf: wer die Erde wirklich liebt, liebt die
Gegensätze, liebt also auch Hund und Katze, die wie wir kommen aus
Nirgendwo und eingehen ins Nirgendwo, ganz wie wir.
Gewiss, bei der Wahl des Tieres, das unmittelbar um ihn sein soll, wird
jeder seinen stärkeren Sympathien folgen. Und da scheiden sich freilich
manche Charaktere eindeutig: Katzen versteht nur, wer die "Frau an
sich" versteht, wer das Unberechenbare als steigerndes,
gefährliches Moment in den Ablauf des Seins einkalkuliert, wer im
schönen Augenblick nicht Deutung noch Dauer sucht und die ebenso
zärtliche wie grausame Sinnlosigkeit der Natur verehrt, ohne das
höhere Gesetz hinter ihren rätselhaften Offenbarungen unbedingt
begreifen zu müssen. Katzen haben nie den Geruch der Wildnis verloren.
Sie sind unversöhnt mit den Menschen geblieben, Bewahrer ihrer
Raubtiertradition, unzugänglich jedem menschlichen Zweckgedanken,
letzten Endes unerforschliche, "heilige Tiere"".
Das Hundeherz dagegen haben die Menschen sich erschlossen. Was blieb
hier von der alten Wolfsherkunft, von dem Schakalblut, von der
Urwaldheimat? Ein paar Gewohnheiten. das im Kreise-Sich- Drehen vor dem
Einschlafen, die Erinnerung an das Verscharren der Exkremente und eine
ferne Unruhe im Blut, die plötzlich da ist, wenn Wagengeleis oder
Schienenspur Urzeiterinnerung rätselhaft erwachen lassen und das
"Schnüren" in der Deckung beginnt. Im übrigen ist die
Erinnerung an die Herkunft zum Hass der Zivilisierten gegen die Ahnen
abgewandelt: zur Feindschaft gegen den Wolf. Die andere Front aber
übernimmt der Hund vom Ahn - wie Wolf gegen Luchs, so steht Hund gegen
Katze.
Aber sonst ist der Hund zum Menschen übergegangen, missbraucht als
Kärrner, benutzt als Gehilfe, ganz aufgenommen als Freund, gezüchtet
als Kunstprodukt. Ein Tier, für das schon in der Keilschrift dasselbe
Zeichen gilt wie für Diener, hat sich geistig auf den Menschen
eingestellt. Eine ganze Tierrasse ist diesem hörig geworden. Ein Bund
wurde, im Kontakt eines "Unterstroms", besiegelt wie sonst
kein zweiter. Es ist nie der Hund gewesen, der sich der geheimnisvollen,
unausgesprochenen, auf der Basis der einfachen Grundklausel "Treue
um Treue", auf Gedeih, Verderb und Vertrauen geschlossenen
Übereinkunft unwürdig erwiesen hat. Er, der nach Polgar "unter
allen Tieren jenes ist, das den Menschen am ehesten goutiert", hat
immer gehalten, was er versprochen hat. .Aber nie sollte man vergessen,
dass der Hund ein Tier ist, dass seine Fähigkeiten ins
"Menschliche" abzubiegen Verrat an der Natur üben heißt.
"Wunderhunde", Hundedressuren zur Schau, eine übertriebene
Kriminalfährtenpsychologie- das alles heißt Menschengeist auf
Tiergeist pfropfen. Und das Resultat wird immer in dem Augenblick
kärglich, kümmerlich und peinlich werden, da die Grenzen der Natur
respektlos überschritten werden. Oder gibt es etwas Traurigeres als
diese mit läppischen Hüten und Röcken bekleideten Hundegeschöpfe auf
den Varietebühnen, um deren Leiber hanswurstiges Tuchzeug schlottert,
die Treppchen springen und einen "Bräutigam", oder
"Toten" spielen müssen?
Von Geri und Freki, den Hunden des germanischen Himmels, die Wotan die
letzten Nachrichten von den Kämpfen der Asen und ihrer Widersacher
rapportierten, bis zu ihren späten Nachkommen, die dem
"Herrchen" die Zeitung apportieren, ist eben ein weiter Weg.
Aber immerhin doch ein Weg.
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Plötzlich ist eines Tages der Mensch allein. Er ist es immer. Aber er
weiß es nur selten. Nur in jenen schweren Augenblicken, in denen er
sich daran erinnert, dass er allein sterben wird. Dann sitzt er da und
sinnt vor sich hin. Und mit einemmal stößt eine weiche Schnauze gegen
sein Knie, tastet zögernd eine behaarte Pfote sein Bein entlang, und
ein Kopf hebt sich ihm entgegen. Es ist der Kopf seines Hundes, der die
Not des Menschen wittert und mit einem merkwürdigen Klagelaut, halb
Seufzer, halb Werbung, ihn daran erinnert, dass der Mensch, ihn, seinen
Hund, verlassen und einsam gemacht hat in dem Moment, da er sich selbst
in die Einsamkeit einsinken ließ. Und von Mensch zu Hund zündet erneut
der Kontakt, Leben drängt sich an Leben, und während die Hand schon
das Fell streichelt, ist - wenn auch der Blick noch gar nicht hinsieht -
der gefährlichste Punkt der trostlosesten Einsicht überwunden. Solche
Minuten vergisst kein Mensch seinem Hunde.
Lubochna, im Juni 1931 MANFRED GEORG
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